Publikumspreis Fünf Seen Festival 20133. Platz Internationales Filmfest Emden-Norderney 2013Beste Regie Internationales Filmfestival Warschau 2012Publikumspreis Internationales Filmfestival Warschau 2012Wettbewerb Internationales Filmfestival Toronto 2012
Besetzung Edward HoggBesetzung Alexandra Maria LaraFilmschriftzug ImagineWenn die Sinne zum Wunder werden.
Ein Film von Andrzej Jakimowski.
Ab 2. Januar 2014 überall im Kino
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Die Filmwelt

Die zentrale Figur des Films, Ian, ein Lehrer für räumliche Orientierung, beginnt an einer Klinik zu arbeiten, die blinde Kinder aus aller Welt kostenlos behandelt. Er ist kein gewöhnlicher Lehrer. In der Tat gibt ihm seine eigenartige Art, in schweren Nagelschuhen zu laufen, einen Hauch von Exzentrik, auch wenn es sonst kaum auffällt, dass Ian keine Augen hat. Er verweigert die Nutzung eines Blindenstocks, ob in der Klinik oder während seiner abendlichen Besuche in den Bars der Stadt. Normalerweise bringen sehende Menschen blinden Menschen bei, sich in ihrer Umgebung zu orientieren. Die Unterrichtsstunden drehen sich dabei zumeist um die Nutzung eines Blindenstocks. Doch Ian hat seine eigenen Methoden während des Unterrichts. Er versucht nicht nur, die Sinne Fühlen, Hören, Riechen und Schmecken zu schärfen, sondern vor allem die Neugier und Fantasie seiner Patienten zu wecken, um ihnen das Leben in einer Welt beizubringen, die sie niemals sehen werden. Für die blinden Menschen, die noch vor Kurzem zwischen den Wänden der Klinik eingeschlossen waren, werden die Ausflüge in die normale, alltägliche Realität, das Spielen auf dem Hof, der Spaziergang in der Stadt oder der Besuch in einem Café zu abenteuerlichen Reisen in ein unbekanntes Universum. Ein Universum, das ein Rätsel darstellt, das es zu lösen gilt. Ist wirklich ein großes Schiff im Hafen angedockt oder ist es nur eine Fiktion, die Ians Fantasie entsprungen ist? Ein cleverer Trick, um das Interesse seiner Schüler zu wecken? Ian macht sie darauf aufmerksam, dass, konfrontiert mit der Frage, wie die Welt wirklich ist, es blinde Menschen nicht viel schwerer haben als Sehende. Seiner Meinung nach ist das Erkennen der Wahrheit eine Herausforderung für den Geist und der Mangel an visuellen Reizen stellt kein grundlegendes Problem dar.

Die Fakten über Echoortung

Echoortung ist eine Methode zur Bestimmung der Position und Größe umliegender Objekte durch die Nutzung akustischer Echos. Der Begriff wurde 1944 von Donald R. Griffin eingeführt, einem amerikanischen Zoologen, der Studien zu Fledermäusen durchführte. Das Prinzip der Echoortung ist simpel: Der „Transmitter“ erzeugt einen Schall mit hoher Frequenz und empfängt danach die von verschiedenen Hindernissen reflektierten Wellen. Entsprechend der Rückkehrzeit eines Schalls, seiner Richtung und Intensität, lässt sich die Größe, Position und Richtung lokalisierter Objekte beschreiben. Die Genauigkeit dieser Methode variiert und ist abhängig von der Länge der ausgesandten Schallwelle. Je kürzer sie ist, desto präziser wird das Bild im Gehirn des Empfängers und desto höher die Auflösung. Delfine haben sich am besten an Echoortung angepasst, da sie Schallgeräusche mit einer Frequenz von 212 kHz senden und empfangen können. Obwohl das Potenzial von Menschen in dieser Hinsicht sehr viel bescheidener ausfällt (die Grenzen liegen im Rahmen zwischen 16 Hz und 20 kHz), wird das Phänomen der Echoortung auch von blinden Menschen genutzt. Sie haben Andrzej Jakimowski zu der Figur Ian inspiriert. Ian bewegt sich dermaßen sicher auf diese Art, dass es schwer zu glauben ist, dass er nicht sehen kann. Er lokalisiert Hindernisse, indem er verschiedene Arten von Geräuschen nutzt: Er trägt Stiefel mit Absatz und Zehenplatten, schnippt mit den Fingern und schnalzt am Gaumen mit seiner Zunge. Er hört sich auch Geräusche an, die in der natürlichen Umwelt auftreten und den Raum mit ihrem Echo „beschreiben“: das Glockenläuten, das Flattern von Taubenflügeln während des Flugs, Hupgeräusche von Autos oder das Plätschern von Steinen ins Wasser. Für die Vorbereitung auf die Rolle von Ian lernte Edward Hogg die menschliche Echoortung von Alejandro Navas, der die moderne Echolokalisation verwendet. Navas nutzt hauptsächlich das Schnalzen und Tippen von Objekten mit seinem Blindenstock als Geräuschquelle. Inspiration für die Figur bot auch die Rückbesinnung auf andere bekannte Nutzer der Echoortung: Der Film ist Ben Underwood gewidmet, der die Kunst der Echoortung bereits als kleiner Junge perfektionierte. Underwood verzichtete auf einen Blindenstock in seiner Kindheit und lebte wie ein sehender Jugendlicher. Der Dokumentarfilm THE BOY WHO SEES WITHOUT EYES (2007) zeigt ihn beim Skateboarden und Fahrradfahren auf der Straße, beim Basketball, sogar beim Computerspielen. Die zweite wichtige Person ist Daniel Kish, der erste professionelle Lehrer für Echoortung in der Welt. Sowohl Ben Underwood als auch Daniel Kish erwarben ihre unglaublichen Fähigkeiten in der Kindheit. Beide erinnern sich (unabhängig voneinander), wie sie schon als kleine Jungen das Zungenschnalzen am Gaumen und die Nutzung des dabei entstehenden Geräuschs spontan für sich entdeckten. In einem Interview für das Magazin New Scientist erinnert sich Daniel Kish daran, wie er mit zweieinhalb Jahren auf den Nachbarzaun kletterte und mit der Zunge schnalzte, um eine Vorstellung für das, was auf der anderen Seite war, zu kreieren.

Von der Wissenschaft zurück zum Film und darüber hinaus

Während der umfangreichen Recherchen für IMAGINE in Polen berichteten zahlreiche Schüler ähnliche Geschichten wie Ben Underwood und Daniel Kish. Allerdings wurde ihre selbst entdeckte Methode, mit Hindernissen umzugehen, von einer feindseligen Umgebung, sei es zuhause oder in der Schule, zurückgehalten und das Zungenschnalzen als unhöflich angesehen. Der Druck durch die Gesellschaft beschränkte diese jungen Menschen – auch als Folge ihrer Abhängigkeit – auf ihre Blindenstöcke. Während der Recherchen und Castings, die in Europa (Großbritannien, Portugal und Frankreich) durchgeführt wurden, stießen die Macher des Films auf weitere Kinder, die spontan echoortende Methoden benutzten. 16 blinde beziehungsweise sehbehinderte junge Menschen – sieben aus Großbritannien, sieben aus Portugal und zwei aus Frankreich – spielen die Rolle der Klinikpatienten. Zwei dieser Kinder (Denilson Gomes und Tiago Oliveira) nutzen die Echoortung durch Zungenschnalzen und Fingerschnippen, die für den Dreh verwendet wurde. Welche Realität entsteht aus einem Echo für Menschen wie Ian? Daniel Kish vergleicht den Moment der Reflexion des Schalls mit dem Blitzlicht einer Kamera, das plötzlich die Dunkelheit erleuchtet und die Details der Umgebung zeigt. Ein Baum könne unten schmal und dicht belaubt sein und nach oben hin viel ausgedünnter und breiter. Bäume, mit oder ohne Blätter, geben verschiedene Echos von sich. Es entsteht praktisch ein dreidimensionales Bild der Umgebung in der Vorstellung des Blinden mit zahlreichen Details, die das Objekt im Raum lokalisieren, entlang ihrer Größe und Form. Diese Schilderungen entsprechen der wissenschaftlichen Forschung zu dem Phänomen der Echoortung. Eine kanadische Studie zum Empfang von Geräuschen durch blinde Menschen (im Zentrum für Gehirn und Geist am kanadischen Lehrstuhl für visuelle Neurowissenschaft der Universität von Western Ontario) zeigte durch funktionelle Magnetresonanztomographie, dass das reflektierte Geräusch zunächst in der auditiven Rinde verarbeitet wird, bevor es zu einem räumlichen Bild in der Sehrinde „konvertiert“ wird. Die Studie veranschaulichte auch die höhere Aktivität der Sehrinde bei blinden Menschen im Gegensatz zu sehenden Menschen, die mit verbundenen Augen ein Echo hörten. Schlussendlich sind blinde Menschen in der Lage, ein relativ genaues Bild ihrer Umgebung in ihrem Gehirn zu erzeugen, sie können im wörtlichen Sinn mit den Ohren sehen. Dies erklärt auch, warum blinde Menschen häufig etwas mit Metaphern aus der visuellen oder fühlbaren Wahrnehmung kommentieren (ein Geräusch kann „hart“ oder „weich“ sein, „hohl“ oder „löchrig“, „stabil“ oder „elastisch“ sein). Trotzdem beschränkt sich die Figur Ian in IMAGINE nicht auf das Hören von Echos: Ian nutzt Gerüche und interpretiert alle Arten sensorischer Reize, macht seine eigenen Schlussfolgerungen und setzt seine freie Fantasie in Gang, denn er ist der Ansicht, dass man die Welt erst selbst erschaffen muss, bevor man sie kennenlernen kann. Er erzählt seine Geschichte, ermutigt seine Freunde sich ihren eigenen Geschichten zu öffnen, ihre Passivität aufzugeben und in ein faszinierendes, aber gefährliches Abenteuer aufzubrechen. Dies ist ohne eine emotionale Beziehung nicht möglich, vor allem im Bezug zu seinen beiden Schülern Serrano und Eva. In Serranos Fall ist es die Freundschaft, in Evas möglicherweise mehr als das. Denn die Wahrnehmung der Welt ist mehr als nur eine kognitive Methode: Die Welt wird multidimensional aufgrund der sensorischen Reize, dem erworbenen Wissen und Verständnis, aber auch durch die Poesie, die zwangsläufig mit Gefühlen verbunden ist.

Die Kontroversen der Echoortung

Experimente mit sehenden Menschen demonstrieren, aus welchem Grund die Lehre der Echoortung für blinde Menschen soviel Sinn macht: Es ist im Grunde genommen eine Weiterentwicklung ihrer natürlichen Fähigkeiten. Trotz allem ist Echoortung zur räumlichen Orientierung immer noch eine kontroverse Methode, die noch nicht überall angenommen wird. Blinde Menschen bleiben die Hauptvertreter der Echoortung. Daniel Kish gründete 2001 eine gemeinnützige Organisation mit dem Namen World Access for the Blind mit dem Ziel, Echoortung zu fördern und unterrichtete bereits zahlreiche blinde Menschen. Dank ihm können selbst sehr junge Kinder die Fertigkeit erlangen, sich ähnlich wie ihre sehenden Mitmenschen zu bewegen (Spiele mit handwerklichem Geschick, freies Laufen etc.). Ein anderer leidenschaftlicher Verfechter der Echoortungslehre für Blinde ist der Pole Henryk Wereda, Autor eines Buches über Echoortung (Let Hearing Lead You) und Berater des Films. Wereda steht der Rolle, die Blinde in der Gesellschaft einnehmen müssen, kritisch gegenüber. Er ist überzeugt, dass es eine unnötige Stigmatisierung blinder Menschen gibt. In diesem Sinne fordert die Fertigkeit der Echoortung einen gängigen Stereotyp heraus, indem sie einen blinden „Invaliden“ in ein unabhängiges Individuum verwandelt. Dies stellt auch eine Herausforderung an die Gesellschaft dar, die, statt blinde Menschen zu einer gleichberechtigten Teilnahme am Leben zu ermutigen, eher zur passiven Abhängigkeit von fremder Hilfe führt.
In Deutschland kämpft unter anderem der Anderes Sehen e.V. dafür, Klicksonar als Standardschulungsmethode für blinde Kinder durchzusetzen (www.klicksonar.de).Dieser vertritt die Meinung, dass Klicksonar und Echoortung als ergänzende Methode zur Nutzung des Blindenstocks zu sehen sind - als eine erhebliche Erweiterung der Wahrnehmung.

Unabhängigkeit hat ihren Preis

Der Hauptprotagonist des Films, Ian, versucht, seinen Schülern Schritt für Schritt die Unabhängigkeit bei der Fortbewegung beizubringen, ihr Interesse an der Welt zu wecken und sie jenseits der Mauern der Klinik zu führen. Dies geschieht nicht ohne Risiken: Manchmal muss man dafür eine Beule oder die Kratzer der Rosenbüsche in Kauf nehmen. Die Nutzung eines Echos zur freien Fortbewegung trägt auch ein Fehlerrisiko mit sich. Können die jungen Schüler denselben Risiken ausgesetzt werden? Ian glaubt, dass die Gefahr der unumgängliche Preis ist, der für Freiheit und Unabhängigkeit bezahlt werden muss. Der zuständige Arzt ist anderer Meinung. Ians Methoden hält er für zu radikal: Erst rufen sie Erstaunen hervor und dann Beschwerden des Klinikpersonals. Es kommt zu einem offenen Konflikt mit dem Arzt. Es ist schwer zu sagen, wer Recht hat: die, die Echoortung als zu riskant einstufen, oder der blinde Ausbilder, der sich gegen alle Einschränkungen auflehnt. Vielleicht jedenfalls sind Ians Methoden nicht riskanter als das Leben selbst.